1039
29.
Boron

Unterwegs mit den Norbarden

Die letzten Tage war ich in Hexenangelegenheiten unterwegs.

Ich kehre zurück zu meiner Gruppe und finde sie im Wirtshaus Uspiaunen vor, wo sie sich gerade nach einem schweren Kampf gegen die verfolgten Ritter wieder zusammenflicken. Glücklicherweise haben auf unserer Seite alle überlebt, obwohl Innuendo wirklich schwer verletzt war. Die Ritter hingegen sind tot und noch unbestattet.

Kolja hat bei den Toten den Teil eines Pergaments gefunden, das der Übersetzung verschlüsselter Zeichen dient. Das gute Dutzend Symbole darauf ist einfach gehalten, aber allen hier unbekannt und vermutlich militärischen Ursprungs.

Wir nehmen kurzerhand die Pferde der Toten an uns, und Kolja versteht es, das Wappen auf einem der Sättel kunstfertig zu übernähen. Schließlich soll uns niemand des Diebstahls bezichtigen!

Als wir gerade bereit zum Aufbruch sind, treffen mehrere Kaleschkas im Dorf ein, eine gaukelnde Gruppe Norbarden, angeführt von zwei alten Bekannten, der Muhme Dascha Janatreff und der Zibilja Fetanka , und wir beschließen gemeinsam zu reisen. Wie es der Zufall will, hat Fetanka morgen ein Treffen mit besagtem Junker Anshag von Rodebrannt-Ask, den wir verfolgen, denn er schuldet ihr Geld, dafür dass sie Alatzer aus Hinterbruch gelockt hat. Salwinja setzt die Damen über die Anschuldigungen gegen ihn ins Bilde, und auch ich höre erschrocken zu: Anshag hat wohl mit seinen Männern einen brutalen und blutigen Überfall – oder besser ein Massaker – in Hinterbruch verübt und das Horn des Grafen Magister Alatzer sowie unser blaues Buch des Efferdordens gestohlen. Zwar war er verkleidet, aber dank einer Verstümmelung an der rechten Hand trotzdem deutlich identifizierbar. Man einigt sich schnell darauf, Fetanka zu dem Treffen zu begleiten, die Anschuldigungen gegen Anshag aber vorerst nicht an die große Glocke zu hängen.

Wir bringen also unsere Tiere im Zug unter, wobei der Esel von Kolja auf den Namen Elkman Timpski getauft wird, was die Norbarden wohlwollend zur Kenntnis nehmen, und ziehen los.

Unterwegs nehmen ich und besonders Lugwin Reitunterricht bei Salwinja.

Ich geselle mich bald zu Innuendo, der von dem Norbardenmädchen Nadja Janatreff als „Prinzessinnendiener“ angeheuert wurde und auf dem Kutschbock einer der Kaleschkas mitfahren darf, und er berichtet von den Ereignissen der letzten Tage – natürlich mit etlichen Übertreibungen, die ich bereits von ihm gewohnt bin. Dann erzählt er mir, das Mädchen Nadja habe seine Verwundung in nur wenigen Augenblicken vollständig geheilt, allein durch eine kurze Berührung der Hand. Auf seine Bitte hin überprüfe ich sie mit dem Hexenblick. Eine Hexe ist sie nicht, aber später findet Innuendo heraus, dass sie bei Fetanka in die Lehre geht. Das erklärt wohl ihre Fähigkeit.

Am frühen Abend erreichen wir die Stadt Lungvalis, eine Mischung aus Burg und Festung, wobei die Burg schon einmal bessere Zeiten gesehen hat. Im Zentrum ist ein Jahrmarkt im Aufbau, und in der Stadt ist sehr viel los. Es könnte schwer werden, eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden, also machen wir uns getrennt auf die Suche, und haben am Ende mehr Erfolg als erhofft: Salwinja kann uns einen Platz im Rondratempel bieten, Innuendo hat eine Zusage von den Norbarden, und Lugwin und ich bekommen von einem Städter eine Kellerunterkunft angeboten. Kolja jedoch stellt all dies in den Schatten, indem er im Schwert und Schild die Prinzessinnensuite gebucht und bereits bezahlt hat, auch wenn er uns den Preis des Zimmers verschweigt. Unsere Entscheidung fällt schnell.

Salwinja und Innuendo brechen nochmals in den Tempel auf, wo dieser Schurke wegen seines waghalsigen und schlichtweg dummen Verhaltens im Kampf auch noch geehrt wird. Derweil begeben Kolja und ich uns in den Baderaum, wo Geschichten erzählt werden – natürlich auch mal wieder der alte Hut von der Thorwalertrommel –, und bald darauf treffen wir uns alle im Gastraum.

Wir erfahren von einer Art Praiostempel oder Burg in der Nähe, genannt Korswand, wo die Dorfdeppen und Bekloppten leben und versorgt werden. Was für ein aufregender und gleichzeitig seltsamer Ort das sein muss! Und ganz in der Nähe findet morgen auch das Treffen zwischen Anshag und der Zibilja statt.

Gemeinsam machen wir noch einen Abendspaziergang durch die langsam ruhiger werdende Stadt. Ein paar Kadetten treten halbherzig zum Appell an, mehr gibt es nicht zu sehen, und wir kehren in unsere Suite zurück. Der Platz neben Kolja im Himmelbett fällt dem immer noch jammernden Innuendo zu, obwohl von seiner Verletzung nicht mehr als eine Narbe geblieben ist.

Salwinja eröffnet uns nun, dass sie im Rondratempel etwas Wichtiges in Erfahrung gebracht hat, das mit unserer Verfolgung zusammenhängt. Eine der Geweihten hat erst vor einigen Tagen Anshag im Tempel gesehen und beobachtet, wie er sich an einem der Schreine zu schaffen machte. Salwinja untersuchte den Schrein und fand eine Kerze mit Zeichen, die sehr an das Pergament erinnern, das die Toten bei sich hatten. Sie durfte sie mitnehmen und zeigt sie herum.

Es wird schnell klar, dass es bei der Botschaft auf der Kerze um die Beobachtung eines Turmes geht. Aber wer beobachtet wen? Ein Zeichen soll gegeben werden, ein Leuchtfeuer. Vermutlich ist der Turm in Korswand gemeint – wo die Irren leben. Ob wir den Leuten dort in unserer Angelegenheit vertrauen können? Immerhin ist ein Praiosgeweihter dabei.

Vermutlich wurden die Empfänger der Nachricht in dem Kampf heute früh getötet, aber Salwinja wird morgen trotzdem nachfragen, ob außer Anzag noch jemand anders länger an diesem Schrein war und möglicherweise nach Zeichen gesucht hat.

Dem Treffen zwischen Anshag und der Zibilja werden wir jedenfalls wie geplant beiwohnen. Vielleicht ergibt sich daraus etwas Neues.

Zur Übersicht